Bangkok: Das nasse Leid abseits der Touristenpfade

Warum meiner Reiseführerin die Tränen kommen, als sie von ihrem Zuhause erzählt. VON CHRISTOPH PFAFF

Ich bin in den letzten Tagen mit dem Gefühl durch Bangkok gelaufen (und habe es hier im Blog geschildert), dass sich das Leben in der Stadt wieder einigermaßen normalisiert hat.

Ein paar Beispiele: Die ufernahen Kulturdenkmäler wie der königliche Grand Palace und der Tempel Wat Arun sind von Schäden weitgehend verschont geblieben und auch das Müllproblem scheint man schnell in den Griff bekommen zu haben. Es hatten sich während der Überschwemmungen ganze Müllberge in den Klongs gesammelt, die nicht abtransportiert werden konnten. Seitdem dies wieder möglich ist, arbeitet die Müllabfuhr rund um die Uhr und macht - im Verhältnis betrachtet - einen guten Job.

Umso trauriger finde ich, dass ich erst heute, an Tag 4 in Bangkok, festgestellt habe, dass ich die ganze Zeit einen Menschen an meiner Seite habe, für den das Leben noch lange nicht wieder normal ist.

Mein Guide Susi hatte mir zwar bereits erzählt, dass sie im Norden Bangkoks, in der Nähe des überschwemmten Flughafens Don Muang, lebt und selbst von den Wassermassen betroffen ist. Vom genauen Ausmaß hatte sie jedoch nicht gesprochen.

Erst als wir heute durch das Einkaufszentrum MBK bummeln und uns eine an Wäscheleinen aufgehängte Fotoserie über die Katastrophe anschauen, bekomme ich eine Ahnung. "Dieses Foto zeigt die Gegend, in der ich lebe", erzählt Susi und deutet auf ein Bild, auf dem Menschen in Booten über einen reißenden Strom fahren, der einst ihre Hauptstraße war.

"Das Wasser stand etwa 1,50 Meter hoch in meinem Haus", führt sie fort und holt dann weiter aus: Dass sie alle Möbel aus dem Erdgeschoss in den zweiten Stock tragen musste. Dass Haushaltsgeräte wie der Kühlschrank zu schwer waren und jetzt kaputt sind. Dass der Boden zerstört ist und sie eine neue Haustür braucht. Und dass sie mindestens ein Jahr warten muss, bis die Wände wieder trocken sind und sie erneut streichen kann.

Susi kämpft mit den Tränen. Ich muss schlucken.

Wie allen Touristen, die in der Innenstadt unterwegs sind, wurde auch mir bisher der Eindruck vermittelt, dass wieder alles gut ist. Heute wurde mir jedoch klar, dass für sehr viele Menschen das genaue Gegenteil der Fall ist. Gar nichts ist gut in Bangkoks Norden.

 

10.12.2011 11:03 Von: Christoph Pfaff