Die 'Grüne Jahreszeit' in I-San

01.01.2007

Die 'Grüne Jahreszeit' in I-San
von Peerawat Jariyasombat

Jedes Jahr gegen Ende Mai/ Anfang Juni verwandelt der südöstliche Monsun das ausgedörrte Land in üppige grüne Felder. Der Regen erweckt das Land nach der Trockenzeit im Jahreskreislauf zu neuem Leben. Besuchen Sie I-San, die nordöstlichste Region Thailands, während der 'grünen Jahreszeit' - und Sie können diesen dramatischen Wandel in der Natur mit eigenen Augen beobachten.

Ein wogendes grünes Meer junger Reispflanzen erhebt sich am Horizont. Sperlinge hüpfen auf der suche nach Beute von Pflanze zu Pflanze. Die safranfarbenen Gewänder der buddhistischen Mönche heben sich wie kräftige Farbtupfer gegen die frühmorgendliche Landschaft ab. Die Bauern machen sich mit ihren Wasserbüffeln auf den Weg zu den Reisfeldern. In den Bächen tummeln sich die Fische, während die schmalen Bachläufe langsam wieder zu Flüssen werden. Der Sommermonsun lässt den Mekong River schnell wieder zu einem breiten und schnellen Strom anschwellen.

Auf einer Reise entlang des Flusses zu dieser Jahreszeit werden Sie I-San in seiner vollen lebendigen Pracht erleben. Lernen sie etwas über die anstrengende Arbeit des Reisanbaus, die sich von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang erstreckt, und bei der die Dorfbewohner, bis zu den Knien in Schlamm und Wasser stehend, jeden einzelnen Setzling von Hand zu ordentlichen, schnurgeraden Reihen anpflanzen. Ist die Ernte eingebracht, folgt eine Zeit intensiver Lebensfreude, in der diverse religiöse Feierlichkeiten und Volksfeste stattfinden.

Unmittelbar nach Ende der Reis-Anbausaison lassen die Bewohner des Dorfes Ban Na Kha in Udon Thani ihre erstaunlichen kunsthandwerklichen Fähigkeiten sprechen, die von Generation zu Generation gelehrt wird: Mit dem Weben des 'Mee Khid', ein traditioneller Baumwollstoff und das Markenzeichen von Ban Na Kha, verdienen sie sich ein zusätzliches Einkommen. Der handgewebte Stoff wird mit zarten blauen und weißen Linienmustern, Blumenmustern, geometrischen Designs oder stilisierten Tiermotiven verziert. Er wird hauptsächlich in der Herstellung von Zierkissen und traditionellen Gewändern verwendet.
Udon Thani ist seit der Antike das kulturelle Zentrum I-sans. Der 67 km vom Bezirk Mueang gelegene Museumspark Phu Phra Bat versetzt den Besucher um einige Jahrhunderte zurück in die Zeit, als der Buddhismus allmählich Einfluss auf die Kultur und Tradition der Hochebene von I-San gewann.

Von den Urahnen der heutigen Bewohner I-Sans stammen mehrere in Sandstein geschnitzte Replika des ?Fußabdrucks Buddhas', die damals geweihte Orte der Anbetung und religiöser Zeremonien waren. Die Replik mit dem Namen Phra Buddha Bat Bua Bok misst 1,93 Meter in der Länge und ist 60 Zentimeter tief. Ein zweiter Fußabdruck befindet sich südlich von Phra Buddha Bat Bua Bok, an einem Ort, der unter den Einheimischen als Phra Buddha Bat Lang Tao - der 'Schildkrötenpanzer'-Abdruck - bekannt. Dieser Fußabdruck, dessen Mittelteil von einer stilisierten Lotusblüte geziert wird, befindet sich nämlich direkt neben einem Felsen, der wie der Panzer einer Schildkröte geformt ist. Die große Anzahl von Inschriften und Schnitzereien im umliegenden Sandstein deutet darauf hin, dass die buddhistische Religion in I-San Fuß fasste und viele Anhänger gewann. Im Park, auf dessen Gelände sich einst auch eine prähistorische Siedlung befand, gibt es außerdem zahlreiche prähistorische Höhlenmalereien zu sehen.

Auf dem Weg von Udon Thani nach Nakhon Phanom passiert man das Dorf Ban Tha Rua im Bezirk Nawah der Provinz Nakhon Phanom. Hier lohnt sich ein weiterer Zwischenstopp. Im Dorf werden traditionelle Instrumente von Hand gefertigt, z.B. ein gitarrenähnliches Instrument, das in der Sprache der Region 'Nadel' genannt wird; das für I-San typische Windinstrument 'khaen' und das ?ponglang', ein hölzernes Xylophon. Die Frauen des Dorfes stellen handgewebte Stoffe her. Bei einem Bummel durch die kleine Gemeinschaft, zum temporeichen klang der Folkloremusik, kann man die Männer und Frauen bei diesen traditionellen Handarbeiten beobachten. Die wunderschönen handgewebten Seiden- und Baumwollstoffe, für die diese Region berühmt ist, sind beliebte Souvenirs und eignen sich hervorragend als Geschenke für die Daheimgebliebenen.

Auf der Reise durch den Landstrich bietet das Dorf Phu Thai im Bezirk Renu Nakhon einen einmaligen Einblick in die verschiedenen kulturellen Traditionen dieses Volkes. Obwohl die Bevölkerungsgruppe der Phu Thai ursprünglich aus Kham Muan in Laos einwanderte, haben sich ihre Traditionen und Gebräuche bis auf den heutigen Tag erhalten, so zum Beispiel der unvergleichliche traditionelle Volkstanz der Phu Tai. Zu einem früheren Zeitpunkt waren die Tänze der Phu Tai fast vollständig in Vergessenheit geraten, bevor diese uralte Form künstlerischen Ausdrucks sorgfältig dokumentiert wurde und wieder auflebte - seitdem wird die tänzerische Tradition von generation zu Generation weitergegeben. Unter den Phu Tai begrüßt man heute noch Gäste mit der Segenszeremonie Bai See Su Khwan, zu der sich die Dorfältesten versammeln und ein geheiligtes Ritual durchführen, bei dem sie den Besuchern ihre Segenswünsche aussprechen. Im Anschluss daran wird ein Fest gefeiert.
Zu Ehren seiner Gäste richtet das Dorf ein traditionelles I-San-Bankett aus, das sogenannte 'Pa Lang'. Serviert werden die scharf gewürzeten Gerichte der I-San-Küche und 'U', ein fermentierter Reiswein. Zur Unterhaltung der Gäste finden Gesangs- und Tanzdarbietungen statt.

Von Renu Nakhon aus lohnt sich eine Bootsfahrt auf dem mächtigen Mekong-Strom nach Nakhon Phanom, auf der sich die volle mystische Schönheit der Landschaft und Kultur I-Sans offenbart. Auf der thailändischen Seite sieht man zwischen der üppigen Pflanzenwelt am Flussufer von Zeit zu Zeit einige Gebäude. Am gegenüberliegenden Flussufer erstrecken sich die weiten Wälder Laos, ein wahres Paradies der Stille. Im Phra That Phanom-Stupa in Nakhon Phanom, dem spirituellen Zentrum sowohl der thailänder als auch der Laoten in der Region, befinden sich Buddha-Reliquien. Den um das Jahr 535 v.Chr. erbauten Stupa zieren 200 Diamantsplitter; auf der Spitze erheben sich 16 goldene Schirmdächer.

Weiter geht es auf dem Mekong nach Mukdaharn, eine Stadt, die für ihre hübschen kleinen Tempel bekannt ist - an deren Vielfalt sich erneut der glaube der Menschen an die buddhistische Lehre ablesen lässt. Die Bewohner von I-San haben einen anderen Namen für den ubosoth (Thai für eine Gebetshalle oder Kapelle): 'sim'. Die sim im Nordosten sind dabei kleiner als diejenigen in den mittleren Regionen. Einige messen nicht mehr als 3 auf 4 Meter. Der sim des Wat Bo Sri, eines aus dem Jahre 1916 stammendenTempels im Bezirk Wan Yai, zeichnet sich durch seine Fenster im laotischen Stil aus, die dem der Lan Chang-Architektur entnommen sind. Im Inneren stellen Wandgemälde den letzten Lebenszyklus Buddhas dar. Nicht weit entfernt liegt der Tempel Wat Mano Phirom mit seinen eleganten Holzschnitzereien der mythischen Schlangen, Naga, die den Haupteingang zum 'sim' bewachen.

Weniger als 20 Kilometer von Mukdaharn entfernt eröffnet sich ein phantastischer Blick auf die imposanten Felsvorsprünge des im Mukdaharn-Nationalpark gelegenen Phu Pha Thoeb. Hier thronen massive Gesteinsbrocken auf kleinen Podesten. Einige davon sind geformt wie gigantische Pilze, wieder andere ähneln Hütten, Löwen, Krokodilen oder menschlichen Fußspuren. Die Anordnung der Felsen von Phu Pha Thoeb ist zufällig; Wind und Wetter verliehen ihnen über die Jahrhunderte ihre heutige bizarre Form. Ein Stein, der klimatischen extremen Bedingungen ausgesetzt ist - wie den hiesigen Regen- und Trockenzeiten - unterläuft einen langsamen, von Wasser, Wind und Sand hervorgerufenen Erosionsprozess, so dass einzelne Gesteinsschichten schließlich splittern und zerbröckeln. Regenwasser sickert durch den porösen Sandstein bis hinunter in die Felsspalten. Die Feuchtigkeit, die sich dort ansammelt, bietet einigen Pflanzenarten einen natürlichen Nährboden.

Mit dem Ende der Regenzeit, im Oktober und November, stehen diese Pflanzen in den Felsspalten in voller Blüte und überziehen die Hänge mit einem farbigen Meer wilder Blumen. Das berühmteste der "wilden Blumenbeete" von Phu Pha Thoeb, Muchalin Terrace, liegt fünf Kilometer außerhalb des Parks.

Auch das Felsplateau unweit des Wasserfalls Soy Sawan in Ubon Ratchathani mit seinen Millionen von kleinen, leuchtend gelben, roten und violetten Blumen bietet einen prachtvollen Anblick.

Der Wasserfall Soy Sawan gehört zum Pha Taem Nationalpark. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass das Gebiet bereits vor etwa 4.000 Jahren besiedelt wurde. Entlang der 180 Meter langen Felsküste finden sich über 300 Felsmalereien, darunter Darstellungen von riesigen Katzenfischen, Elefanten, Fischereizubehör und menschlichen Ritualen. Diese Bilder reflektieren u.a. die enge Verbundenheit der damaligen Siedler mit dem Fluss Mekong.

Wem es bis zum Oktober mit seiner Blütenpracht noch zu lange hin ist, den lockt das Kerzenfest, Khao Phansa, das den Anbruch der buddhistischen Fastenzeit ankündigt. In der Provinz Ubon Ratchathani wird dieses Fest besonders feierlich begangen. Die Dorfbewohner bringen riesige Kerzen zu den Tempeln, um es den Mönchen und Novizen zu ermöglichen, bis in die späte Nacht hinein die buddhistischen Schriften zu studieren. Die Herstellung dieser Kerzen hat sich mit der Zeit von einem Ausdruck religiöser Hingabe zu einer eigenen Kunstform entwickelt, mit immer anspruchsvolleren Motiven und Verzierungen. Es lohnt sich, schon einige Tage vor dem eigentlichen Kerzenfest anzureisen, um den Entstehungsprozess der Kerzen mitzuerleben. Wat Burapha, Wat Nong Bua, Wat Sawang Arom und Wat Thung Si Muang sind in diesem Zusammenhang die interessantesten Orte. An Khao Phansa werden die kunstvoll geschnitzten Kerzen auf Flößen in einer religiösen Prozession durch die Stadt und um den Park Thung Si Muang getragen.

Wie nur wenige Besucher wissen, zeigt sich I-San also gerade in der "Grünen Jahreszeit" von seiner lebendigsten und interessantesten Seite.


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